Zukunft ohne Schokolade? Wie der Klimawandel den Kakaoanbau in Westafrika bedroht

17.01.2017

Klimaforscher*innen prognostizieren, dass weite Teile von Ghana und Côte d‘Ivoire bis 2050 zu trocken für den Kakaoanbau werden – mit weitreichenden Folgen für die globale Kakaoproduktion. Millionen von Kakaobäuerinnen und -bauern benötigen dringend Unterstützung bei der Anpassung an den Klimawandel. Doch die bisherigen Bemühungen der Schokoladenindustrie und der Regierungen sind zu zaghaft und werfen außerdem einige Fragen auf.

Kakao ist eine sensible Pflanze, die nur unter sehr speziellen Wetterbedingungen in einigen Gebieten entlang des Äquators gedeiht. Verändern sich diese Bedingungen infolge des Klimawandels, stößt die Kakaopflanze schnell an ihre Toleranzgrenze. So führte in diesem Jahr in Côte d‘Ivoire und Ghana eine ungewöhnlich lange Dürreperiode zu empfindlichen Ernteeinbußen. Bereits im Vorjahr hatten in Ghana heftige Regenfälle dafür gesorgt, dass der Kakaoanbau um 30 Prozent einbrach.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind im Kakaosektor also schon heute spürbar. Klimaforscher*innen zufolge wird sich dieser Trend in den kommenden Jahren deutlich verstärken: „Unsere Modelle zeigen, dass die für den Kakaoanbau geeigneten Flächen schrumpfen werden“, erklärt Peter Läderach, Klimaexperte beim International Center for Tropical Agriculture (CIAT) und Mitherausgeber einer wegweisenden Studie zum Thema Klimawandel und Kakao.(i) Läderach und seine Kolleg*innen gehen davon aus, dass die Temperaturen in Westafrika bis 2050 um zwei Grad ansteigen werden. In der Folge, so die Prognose, würden Teile von Côte d´Ivoire und Ghana zu trocken für den Kakaoanbau.

Das Problem ist: Côte d‘Ivoire und Ghana sind die beiden wichtigsten Kakaoanbauländer, rund 60 Prozent der globalen Ernte stammen von dort. Ein Rückgang der von diesen Ländern produzierten Kakaomenge hätte also gravierende Folgen für die globale Kakaoproduktion. Ein sinkendes Angebot bei weiterhin steigender Nachfrage könnte langfristig zu höheren Kakaopreisen führen. Schokolade könnte sich also wieder zu einem Luxusgut entwickeln.

Anlass zur Sorge besteht aber nicht nur für die Schokoladenindustrie und die Konsument*innen. Die Volkswirtschaften Ghanas und der Côte d‘Ivoire leben vom Kakaoexport, in Ghana macht der Kakao rund 30 Prozent der gesamten Exporteinnahmen aus. Und insbesondere für Millionen von Kleinbäuerinnen und -bauern könnten die Klimaveränderungen katastrophale Auswirkungen haben: Die meisten von ihnen sind in hohem Maße vom Kakao abhängig, der häufig die einzige oder zumindest die Haupteinnahmequelle darstellt.

Klimawandel mit unterschiedlichen Auswirkungen

Schon heute leben die meisten Kakaobäuerinnen und -bauern in Westafrika weit unterhalb der Armutsgrenze. Die Autor*innen der CIAT-Studie warnen davor, dass es, sollten sich die verfügbaren Flächen verringern, zu verschärften Landkonflikten um die Gebiete kommen könnte, in denen Kakaoanbau weiterhin möglich ist. Außerdem könnte die Suche nach neuen Anbauflächen zur vermehrten Abholzung von Regenwäldern führen.

Was müsste geschehen, um dieses Szenario abzuwenden? In manchen Gebieten wird der Kakaoanbau nicht mehr zu retten sein. Hier wird es darum gehen, rechtzeitig Strategien für den Übergang zu anderen Kulturpflanzen zu entwickeln und die Kleinbäuerinnen und -bauern bei diesem komplexen Prozess zu unterstützen.

In vielen Gebieten hat der Kakaoanbau aber eine Zukunft – wenn rechtzeitig die nötigen Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel ergriffen werden. Welche Maßnahmen dies im Einzelnen sind, hängt auch davon ab, wie sich der Klimawandel jeweils konkret auswirkt: In manchen Regionen sind eher steigende Temperaturen und längere Dürreperioden das Problem, in anderen die veränderten Niederschläge. Es gibt also nicht eine große Lösung, sondern viele kleine.

Ein zentraler Baustein der Klimaanpassung sind Schulungen in guter landwirtschaftlicher Praxis, welche den Bäuerinnen und Bauern das nötige Wissen über Bewässerungstechniken, nachhaltige Bodenpflege oder Schädlingsbekämpfung vermitteln.

Große Hoffnungen werden außerdem in die Züchtung trockenresistenter Pflanzen gesetzt. Diese sollen höheren Temperaturen und längeren Dürreperioden besser standhalten können. Götz Schroth, Senior Manager des Klimaprogramms bei der Rainforest Alliance, merkt allerdings kritisch an, es bleibe abzuwarten, ob mehr Forschung tatsächlich zu wesentlich trockenresistenteren Kakaosorten führen werde.

Die Bäuerinnen und Bauern sollten zudem bei der Diversifizierung ihres Anbaus unterstützt werden, wie es Kampagnen wie Make Chocolate Fair! schon seit längerem fordern, um die Abhängigkeit von Kakao als alleinigem Anbauprodukt zu reduzieren und mögliche Einbußen in Folge von Klimaveränderungen besser ausgleichen zu können.

Einen solchen Ansatz verfolgt zum Beispiel die INKOTA-Partnerorganisation Procomes in El Salvador (weitere Informationen dazu finden Sie unter www.inkota.de/procomes). Statt eines Anbaus in Monokulturen sollte Kakao in diversifizierten Agroforstsystemen mit einheimischen Baumarten kombiniert werden. Schattenbäume schützen den Kakao nicht nur vor zu viel Sonnenlicht und zu hohen Temperaturen. Ihre Hölzer und Früchte können zudem wichtige Nebeneinkommensquellen bieten. Außerdem leisten sie durch die Bindung von CO2 einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.

Den Ernst der Lage noch nicht erkannt

In letzter Zeit ist das Thema Klimawandelanpassung immer häufiger Teil von Nachhaltigkeitsprogrammen der Schokoladenindustrie. Das Unternehmen Mondelez verteilte in Ghana 100.000 neugezüchtete, trockenresistentere Kakaosetzlinge an die Bauern, verschiedene Unternehmen investieren in die Pflanzenforschung oder finanzieren Trainingsprogramme.

Ende Mai rief die industrienahe World Cocoa Foundation ein neues Programm für „klimasmarten Kakao“ ins Leben, an dem neben den wissenschaftlichen Expert*innen vom CIAT und der US-Entwicklungsbehörde USAID viele weltweit führende Schokoladenunternehmen (z.B. Mars, Nestlé, Hershey´s, Lindt) beteiligt sind.

Dass die größten Süßwarenhersteller sich zusammenschließen, um ihre Anstrengungen zu bündeln, ist zuerst einmal positiv – schließlich wurde in der Vergangenheit bemängelt, dass Unternehmen mit parallelen Initiativen häufig aneinander vorbei agieren. Das WCF-Programm könnte endlich den Austausch von Informationen über Nachhaltigkeitsprojekte einzelner Unternehmen sowie deren Erfolge und Misserfolge befördern – was die Zivilgesellschaft schon seit längerem fordert.

Allerdings wirft der von der WCF verwendete Begriff „klimasmart“ große Fragezeichen auf. Nichtregierungs- und Bauernorganisationen kritisieren, dass dieser Begriff, der in der Debatte um Klimaanpassung gerade generell an Bedeutung gewinnt, bisher inhaltlich völlig unbestimmt bleibt und damit zum Einfallstor für die umwelt- und sozialschädlichen Praktiken der industriellen Landwirtschaft wird.(ii)

So zeigt die Erfahrung in anderen Sektoren, dass auch große, industrielle Monokulturen unter Einsatz von Gentechnik und Agrarchemie das Label „klimasmart“ für sich reklamieren können. In Bezug auf den Kakaoanbau stellt sich also die Frage, welche Formen landwirtschaftlicher Praxis hier als klimasmart deklariert werden. Die bisherigen Nachhaltigkeitsprogramme der Industrie etwa fokussieren sehr stark auf eine Steigerung der Produktivität der Kakaoflächen – was häufig mit mehr Dünger und Pestiziden verbunden ist. Für die Zivilgesellschaft heißt es hier in den nächsten Jahren, ganz genau hinzuschauen.

Außerdem entsprechen die bisher ergriffenen Maßnahmen bei weitem nicht dem akuten Handlungsbedarf. „Die meisten relevanten Marktteilnehmer des Kakaosektors haben sich mit den größten bevorstehenden Herausforderungen – den konkreten Auswirkungen des Klimawandels in Westafrika – noch nicht hinreichend beschäftigt“, bemerkt etwa Götz Schroth.

Dies gilt im Übrigen nicht nur für die Industrie, sondern auch für die Regierungen der Kakaoanbauländer. So berichtet Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut von Problemen in Westafrika bei der Verteilung klimaresistenter Setzlinge und von Züchtungsprogrammen, die mit veraltetem Saatgut arbeiten. Wenn die Anpassung an den Klimawandel rechtzeitig gelingen soll, müssen Industrie und Regierungen ihre Anstrengungen deutlich erhöhen.

Außerdem darf die Debatte um Klimaanpassungen nicht von der Diskussion um ein existenzsicherndes Einkommen entkoppelt werden. Denn Klimaanpassung kostet Geld. Und wie sollen die Kakaobäuerinnen und -bauern, die sich schon jetzt aufgrund von Armut beziehungsweise extremer Armut nicht die nötigen Investitionen in ihre Plantagen leisten können, die zusätzlichen Kosten für die Klimaanpassung aufbringen?

In den vergangenen Jahren hat die Schokoladenindustrie viel in Schulungen investiert. Doch es zeigt sich bereits, dass nur sehr wenige Bauern das gelernte Wissen auch umsetzen – was viel mit fehlenden finanziellen Mitteln zu tun hat. Es reicht deshalb nicht, wenn die Industrie einzig und allein auf eine Steigerung der Produktivität setzt. Auch höhere Mindestpreise und Prämien gehören in der Diskussion berücksichtigt.

Quellen:

i Götz Schroth u.a. (2016): Vulnerability to climate change of cocoa in West Africa: Patterns, opportunities and limits to adaptation, in: Science of the Total Environment 556, S. 231-241.

ii „Klimasmarte Landwirtschaft – nein danke!” – NGO-Positionspapier anlässlich des Jahrestreffens der „Globalen Allianz für klimasmarte Landwirtschaft“ (Global Alliance for Climate Smart Agriculture, GACSA) im Juni 2016, u.a. unterzeichnet von INKOTA.

Johannes Schorling arbeitet beim INKOTA-netzwerk für die Kampagne Make Chocolate Fair!

 

Lesen Sie weiter im aktuellen Südlink-Magazin "Fairer Handel", wo der Artikel erstmalig erschienen ist.