FAQ

1. Was ist Make Chocolate Fair?

Make Chocolate Fair! ist eine europaweite Kampagne, die sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von Kakaobäuerinnen und -bauern einsetzt und das Ende ausbeuterischer Kinderarbeit fordert. Die Kampagne richtet sich an Schokoladenunternehmen und fordert die Einhaltung von internationalen Sozial- und Umweltstandards entlang der gesamten Wertschöpfungskette ein. Darüber hinaus macht sich das Kampagnenbündnis für eine nachhaltige und diversifizierte Landwirtschaft stark, die die Umwelt schützt und gleichzeitig dazu beiträgt, die Einkommenssituation der Kakaobäuerinnen und -bauern zu verbessern. Das Herzstück der Kampagne ist die Petition. Gemeinsam mit Partnerorganisationen in 16 europäischen Ländern sammeln wir Unterschriften und machen über viele kreative Aktionen und Veranstaltungen auf die Ungerechtigkeiten und Menschenrechtsverletzungen im Kakaoanbau aufmerksam. Lokale Aktions- und Arbeitsgruppen, Fair Handels-Aktive, Weltläden und viele weitere Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen engagieren sich für die Kampagne.

2. Wer ist INKOTA?

INKOTA-netwerk e.V. ist eine entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisation (NRO), die sich seit mehr als 40 Jahren unter dem Motto „Wir haben es satt, dass andere hungern“ für eine gerechte Welt ohne Hunger und Armut einsetzt. INKOTA unterstützt Projekte in Ländern des globalen Südens (in Nicaragua, Guatemala, El Salvador, Mosambik und Vietnam) und macht Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit im globalen Norden. Dies geschieht vor allem über Informationen für VerbraucherInnen, einen kritischen Dialog mit Unternehmen und Politik sowie öffentliche Kampagnen. INKOTA arbeitet derzeit schwerpunktmäßig zu den Themen Fairer Handel und soziale Verpflichtung für Unternehmen (Kampagne für Saubere Kleidung und Kampagne „Make Chocolate Fair!“), globale Landwirtschaft und Welternährung (Kampagne „Keine Entwicklungshilfe für Agrarkonzerne“) sowie zu Ressourcengerechtigkeit. Der Name INKOTA stammt aus der Gründungszeit der Organisation und steht für „INformation, KOordination, TAgungen zu Themen des Nord-Süd-Konflikts und der Konziliaren Bewegung“.

3. Gibt es die Kampagne nur in Deutschland?

Make Chocolate Fair! ist eine europaweite Kampagne, die Fördermittel der Europäischen Union erhält. Sie wird wesentlich durch vier Partnerorganisationen getragen: INKOTA-netzwerk e.V. (Deutschland), Südwind Agentur (Österreich), Mondo (Estland) und Ecumenical Academy Prague (Tschechien). Darüber hinaus sind weitere zivilgesellschaftliche Organisationen in 16 europäischen Ländern aktiv an der Kampagne beteiligt: in Deutschland, Österreich, Tschechien, Estland, Belgien, Finnland, Ungarn, Italien, Litauen, Luxemburg, Lettland, Niederlande, Polen, Rumänien, Slowenien und der Slowakei. INKOTA koordiniert die Kampagne in Deutschland und den Austausch mit allen europäischen Partnern.

4. Wie lange sammelt die Kampagne noch Unterschriften für die Petition und was passiert mit den gesammelten Unterschriften?

Die Kampagne sammelt noch bis zum 23. November 2015 Unterschriften für die Petition. Diese wird dann Anfang Dezember gemeinsam mit VertreterInnen von Kakaobäuerinnen und -bauern aus der Elfenbeinküste an den Dachverband der Europäischen SüßwarenherstellerInnen (COABISCO) in Brüssel überreicht. Wir haben diesen Zeitpunkt gewählt, weil in der Adventszeit wieder sehr viel Schokolade konsumiert wird und gerade dann auf die Menschenrechtsverletzungen im Kakaoanbau aufmerksam gemacht werden muss. Außerdem kommen Ende November/ Anfang Dezember zwei VertreterInnen von Kakaobauernorganisationen, die bei der Übergabe dabei sein möchten.

5. Warum werden mindestens 100.000 Unterschriften gesammelt? Warum nutzt ihr nicht Online-Petitionen wie Avaaz oder Change.org?

Es ergibt bei jeder Kampagne Sinn, sich ein konkretes Ziel zu setzen. Pünktlich zum internationalen Tag gegen Kinderarbeit am 12. Juni 2015 haben wir das Ziel von 100.000 Unterschriften erreicht. Natürlich hören wir jetzt nicht auf, sondern sammeln bis Dezember weiter, um Menschen in Europa über die Probleme im Kakaoanbau zu informieren und zum Mitmachen zu bewegen. Die Kampagne ist insbesondere in osteuropäischen Ländern aktiv. Hier ist es oft schwieriger, Menschen für entwicklungspolitische Themen und für ein aktives Handeln zu mobilisieren. Im Internet gibt es inzwischen eine Vielzahl von Petitions-Plattformen, mit denen man sehr schnell sehr viele Unterschriften sammeln kann. Oft schwindet die Aufmerksamkeit für ein Thema dann aber wieder genauso schnell, wie sie aufgekommen ist. Unser Anspruch ist, dass die Menschen, die unsere Petition unterschreiben, sich wirklich mit dem Thema auseinandersetzen, ihr Konsumverhalten hinterfragen und über die Unterschrift hinaus aktiv werden. Deshalb haben wir uns für „echte“ Unterschriftenlisten entschieden, die wir mit vielen öffentlichen Aktionen und Veranstaltungen kombinieren.

6. Kann das Instrument Petition überhaupt etwas bewirken? Petitionen werden doch heutzutage inflationär gebraucht!

Petitionen bewirken dann nur wenig, wenn die Aufmerksamkeit schnell wieder schwindet. Wenn sie aber von öffentlichen Aktionen und Veranstaltungen vieler Menschen flankiert werden, können Unternehmen schnell kalte Füße bekommen und um ihren Ruf und die Kundschaft bangen. Die Kampagne für saubere Kleidung (CCC), die von INKOTA mitgetragen wird, hat in zahlreichen Fällen bereits erreicht, dass Unternehmen ihre Einkaufsstrategien geändert und sich die Arbeitsbedingungen aufgrund des öffentlichen Drucks verbessert haben. So haben zum Beispiel ehemalige Beschäftigte von Adidas in Indonesien nach einer CCC-Eilaktion im April 2013 endlich Entschädigungszahlungen erhalten. Auch Make Chocolate Fair! wird von den großen Schokoladenunternehmen wahrgenommen und kritisch beobachtet. Das zeigt sich durch die Präsenz von IndustrievertreterInnen auf Veranstaltungen und Pressekonferenzen und durch diverse Kontaktaufnahmen vor und nach Aktionen. Erste direkte Gespräche gab es bereits mit dem Unternehmen FERRERO.

7. Was macht die Kampagne für Aktionen und Veranstaltungen in diesem Jahr?

In Deutschland wird es noch viele Aktionen und Veranstaltungen geben. Der nächste von uns organisierte Infostand ist beim Weltfest am Boxhagener Platz in Berlin am 29. August. Außerdem präsentieren wir zwei Ausstellungen in ganz Deutschland. Die Wanderausstellung „Süß & Bitter“ informiert über die Wertschöpfungskette von Schokolade und die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen im Kakaoanbau. Sie wird zu sehen sein in Füssen (Ende Juli/ Anfang August), Bonn (Ende August/ Anfang September), Oberursel (September), Hofheim (Ende September/ Anfang Oktober) und Siegen (Anfang November). Eine Roll-Up Ausstellung ist v.a. für Schulklassen sehr gut geeignet. Sie wird ebenfalls bei verschiedenen Anlässen in ganz Deutschland ausgestellt und reist vom Fest der Kulturen in Görlitz bis in den Weltladen Speyer. Wir bieten außerdem Informationsveranstaltungen und Workshops an, in denen unsere CampaignerInnen zu den Hintergründen und Problemen im Kakaoanbau und -handel sowie zum Fairen Handel informieren und die Kampagne vorstellen. Schließlich werden wir im November zwei VertreterInnen von Kakaobäuerinnen und -bauern aus der Elfenbeinküste zu einer Rundreise quer durch Europa einladen. In Deutschland werden die beiden in der letzten Novemberwoche aus erster Hand über die Arbeits- und Lebensbedingungen im Kakaoanbau berichten. Schließlich übergeben wir gemeinsam mit ihnen Anfang Dezember die Petition an den Dachverband der Europäischen SüßwarenherstellerInnen (COABISCO) in Brüssel.

8. Wie kann ich als Gruppe mitmachen?

Jede organisierte Gruppe (z.B. Weltläden, Kirchengemeinden oder Studierendeninitiativen) und jede Organisation kann MitträgerIn und damit aktive/r UnterstützerIn der Kampagne werden. Alle MitträgerInnen erscheinen mit ihrem Logo auf der Kampagnenwebseite und unterstützen so die Forderungen von Make Chocolate Fair! mit ihrem Namen. Im Gegenzug können die Gruppen mit der Einbindung unseres Webbanners und/ oder unseres Petitions-Widgets auf ihrer Webseite auf die Kampagne verweisen. Außerdem kann die Petition natürlich selbst ausgedruckt und ausgelegt werden. Unterschriften können überall gesammelt werden – in Weltläden, Gemeinden, Freundeskreisen, der Familie, auf der Arbeitsstelle, bei Veranstaltungen oder einfach auf der Straße. Gruppen können auch eigene öffentliche Aktionen, Infostände, Veranstaltungen und Ausstellungspräsentationen organisieren. INKOTA berät dabei gerne, unterstützt mit ReferentInnen und stellt Materialien zur Verfügung.

9. Wie kann ich als Einzelperson die Kampagne unterstützen?

Auch Einzelpersonen können die Kampagne unterstützen! Sie können Unterschriften sammeln, bei von uns organisierten öffentlichkeitswirksamen Aktionen mitmachen, uns an Infoständen unterstützen oder von uns organisierte Veranstaltungen besuchen und bewerben. Sie können ihre Mitmenschen über Make Chocolate Fair! informieren und die Kampagnenmaterialien in ihren Netzwerken verbreiten oder anstehende Veranstaltungen über Social Media-Kanäle wie Facebook posten. Sie können auch die Medien auf die Kampagne aufmerksam machen und z.B. einen Artikel für ein Lokalblatt oder die Kirchenzeitung schreiben.

10. Wo finde ich weitere Informationen zur Kampagne?

Auf dieser Webseite gibt es viele Informationen zur Kampagne und den zentralen Forderungen sowie Hintergrundberichte zu den Themen der Kampagne. Unter Materialien können Printmaterialien wie ein Infoblatt, die INKOTA-Aktionszeitung und das INKOTA-Dossier zum Thema heruntergeladen oder bestellt werden. Die Webseite informiert über vergangene und bevorstehende Aktionen der Kampagne und erklärt, wie jede/r mitmachen kann. Gern kann auch eine E-Mail an die CampaignerInnen in der Geschäftsstelle von INKOTA geschrieben werden oder einfach angerufen werden!

11. Welche Rolle spielt der Weltmarktpreis für die Einnahmen der Kakaobäuerinnen und -bauern?

Der Weltmarktpreis für Kakao ist seit den 1980er Jahren stark gefallen und liegt auch heute unterhalb des jahrelangen Durchschnitts. Grund dafür war vor allem die Erschließung Westafrikas als Hauptanbaugebiet für Kakao. Immer mehr Bäuerinnen und Bauern setzten auf den Anbau von Kakao, so dass ein Überangebot an Kakao entstand und der Weltmarktpreis fiel. Dieses Szenario kehrt sich derzeit um. Die Ernteerträge in Westafrika sinken und es wird davon ausgegangen, dass sich am globalen Kakaomarkt die längste Angebotslücke seit mehr als fünf Jahrzehnten anbahnt. Dies liegt zum einen daran, dass die Bäuerinnen und Bauern durch zu niedrige Einkommen jahrzehntelang nicht in die Kakaoplantagen investieren konnten. Darüber hinaus geben immer mehr Bäuerinnen und Bauern aufgrund der schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen den Kakaoanbau auf. Der Anteil des Weltmarktpreises, der bei den Kakaobäuerinnen und -bauern ankommt ist so niedrig, dass er ihnen kein existenzsicherndes Einkommen ermöglicht. Grundsätzlich sollten sich bei einem höheren Weltmarktpreis auch die Einnahmen der Kakaobäuerinnen und -bauern erhöhen. In der Realität liegt der Preis, den Bäuerinnen und Bauern für ihren Kakao erhalten (farm gate price), jedoch häufig unter dem Weltmarktpreis. Durch mangelnden Zugang zu Marktinformationen haben Kakaobäuerinnen und -bauern eine schlechte Verhandlungsposition und sind oft vom Preisdiktat der ZwischenhändlerInnen abhängig. Auch staatlich festgelegte Prozentsätze, die Kakaobäuerinnen und -bauern etwa in Ghana und in der Elfenbeinküste vom Weltmarktpreis erhalten, reichen nicht aus, um ein existenzsicherndes Einkommen zu gewährleisten. Derzeit liegt das tägliche Pro-Kopf-Einkommen für Kakaobäuerinnen und -bauern in Ghana bei 0,84 US$ und in der Elfenbeinküste sogar bei nur 0,50 US$. Das heißt Kakobäuerinnen und -bauern in beiden Ländern leben in extremer Armut (Weltbank-Armutsgrenzen: extreme Armut: 1,25 US$/ Tag, Armut: 2,00 US$/ Tag). Auch nach nationalen Armutslinien verdienen Kakaobäuerinnen und -bauern so wenig, dass selbst eine Verdopplung des Weltmarktpreises nicht ausreichen würde, um ihnen Einkommen oberhalb der Armutsgrenzen zu ermöglichen. Die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kakaobäuerinnen und -bauern ist also nicht nur eine menschenrechtliche Pflicht, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit, um die langfristige Rentabilität der Wertschöpfungskette von Kakao zu gewährleisten.

12. Welche weiteren Faktoren beeinflussen die extreme Armut der Kakaobäuerinnen und -bauern?

Ursache der extremen Armut der Kakaobäuerinnen und -bauern ist nicht nur der niedrige und fluktuierende Weltmarktpreis von Kakao, sondern vor allem auch wie die Gewinne von Kakao und Schokolade entlang der Wertschöpfungskette verteilt werden. Während sich der Anteil am Verkaufspreis von Schokolade für Kakaobäuerinnen und -bauern von 16% im Jahr 1980 auf 6,6% heute verringerte, konnten Kakao- und Schokoladenunternehmen ihren Anteil seit den 1980er Jahren von 56% auf 70% erhöhen. Der Nettoumsatz der Schokoladenindustrie liegt schätzungsweise bei 100 Milliarden US$! Weitere wichtige Ursachen für die extreme Armut sind zu kleine Landflächen (< 5ha), unsichere und diskriminierende Landbesitzverhältnisse, niedrige Produktivität und fehlende Infrastruktur. Die resultierende extreme Armut ist Ursache weiterer Probleme und Menschenrechtsverletzungen wie schlechte Arbeitsbedingungen, ausbeuterische Kinderarbeit und Kinderhandel, Analphabetismus und Mangelernährung.

13. Wie unterscheidet die Kampagne “Mitarbeit von Kindern“ von „ausbeuterischer Kinderarbeit“?

In vielen Ländern des globalen Südens ist die „Mitarbeit von Kindern“ in der Landwirtschaft lebensnotwendig. Die Kinder können trotz der Feldarbeit zur Schule gehen. Zudem werden auch andere grundlegende Rechte (z.B. Nahrung, Wasser, Unterkunft, Gesundheitsversorgung) bewahrt. Dennoch ist die Notwendigkeit der Mitarbeit von Kindern kein wünschenswerter Zustand und dem Umstand geschuldet, dass die Kakaobäuerinnen und -bauern einen zu geringen Preis für ihren Kakao erhalten. Allein in den beiden Hauptanbauländern für Kakao, der Elfenbeinküste und Ghana (knapp 60% des weltweiten Kakaos stammen von dort), arbeiten über zwei Millionen Kinder auf Kakaoplantagen, über 500.000 davon unter ausbeuterischen Bedingungen. Internationale Konventionen der ILO zählen zu ausbeuterischer Arbeit solche, die geistig, körperlich, sozial oder moralisch gefährlich und schädlich für Kinder ist. Zudem werden Kinder wirtschaftlich ausgebeutet, wenn sie nicht zur Schule gehen können, diese frühzeitig verlassen müssen oder neben der Schule übermäßig lange und schwere Arbeiten verrichten müssen. Die ILO-Konvention 138 besagt, dass Kinder mindestens bis zum 14. Lebensjahr die Schule besuchen sollen.  Eine Vollzeitbeschäftigung ist erst ab einem Alter von 15 Jahren erlaubt, wobei auch hier körperlich und seelisch gefährliche Arbeiten bis zum 18. Lebensjahr verboten sind. Im Kakaoanbau gehören schwerwiegende Formen der Kinderarbeit immer noch zum Alltag: Arbeit von Kindern unter 13 Jahren, Sklaverei, Schuldknechtschaft und Zwangsarbeit sowie generell Arbeit, die für die Gesundheit und die Sicherheit schädlich ist. Unter letztere lassen sich zum Beispiel auch das Tragen schwerer Lasten, Arbeit in großen Höhen, der Umgang mit gefährlichen Chemikalien beziehungsweise Werkzeugen oder sehr lange Arbeitszeiten zählen. Die Regierungen der Elfenbeinküste und von Ghana haben die wichtigsten Konventionen zum Thema Kinderarbeit unterzeichnet.

14. Was versteckt sich hinter der Forderung nach einer fairen Bezahlung für Kakaobäuerinnen und -bauern und ihre ArbeiterInnen?

Die Kampagne fordert ein existenzsicherndes Einkommen für Kakaobäuerinnen und -bauern sowie existenzsichernde Löhne für ihre ArbeiterInnen. Ein existenzsicherndes Einkommen muss nicht nur die Produktionskosten (Ausgaben für Saat- und Pflanzengut, Pestizide und Dünger, Lagerung und Transport, Löhne für angestellte ArbeiterInnen und Pachtgebüren) decken sondern vor allem auch die Grundbedürfnisse der KakaoproduzentInnen und ihrer Familien (angemessene Unterkunft, sauberes Trinkwasser, gesunde Ernährung, Bildung und Gesundheitsvorsorge). In der Elfenbeinküste leben die meisten Bäuerinnen und Bauern ausschließlich vom Kakao und verfügen oft über keine anderen Einkommensquellen. Die Abhängigkeit vom Kakao liegt bei 90%. Eine Familie hat zwischen sieben bis zehn Familienmitglieder, die alle von den niedrigen Einkommen aus dem Kakaoanbau leben sollen. Schätzungen gehen davon aus, dass den meisten Familienmitgliedern von Kakaobauern nur 0,50 US$ am Tag zur Verfügung stehen. Dies ist viel zu wenig, um die genannten Grundbedürfnisse zu befriedigen und die Familien leben in extremer Armut. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt sogar deutlich unter der von der Weltbank festgelegten Armutsgrenze für extreme Armut (< 1,25 US$/ Tag).

15. Kann höhere Produktivität das Problem der niedrigen Einnahmen lösen?

Die Industrie setzt auf Effizienz und Produktivität im Kakaoanbau, die durch unterschiedliche „Nachhaltigkeitsprojekte“ erreicht werden sollen. Sie will damit sicherstellen, dass genügend Kakao auf dem Weltmarkt zur Verfügung steht und argumentiert gleichzeitig, dass Kakaobäuerinnen und -bauern auf diesem Weg zu höheren Einkommen gelangen. Die Rechnung ist auf den ersten Blick simpel: Höhere Produktivität = höhere Ernten = höhere Einkommen. Tatsächlich können in Westafrika Investitionen in jüngere Baumbestände und eine bessere Pflege der Kakaoplantagen zu höheren Erträgen führen. Es gibt jedoch zwei grundlegende Probleme, wenn nur allein auf Produktivität gesetzt wird. Erstens könnte durch höhere Produktivität ein Überangebot von Kakao entstehen, wodurch die Preise wieder bzw. weiter sinken würden, mit der Folge dass sich die Einnahmen von Kakaobäuerinnen und -bauern nicht erhöhen. Zweitens müssen Kakaobäuerinnen und -bauern verstärkt in Schulungen, Materialien und Arbeit investieren, um eine höhere Produktivität zu gewährleisten. Da die Investitionskosten vorab gezahlt werden müssen, müssen viele Bäuerinnen und Bauern Kredite aufnehmen, zu denen sie allgemein und Frauen im Besonderen nur schwer Zugang haben. Wenn die gestiegenen Produktionskosten aber nicht gedeckt werden können, müssen Kosten anderweitig eingespart werden – z.B. durch Kinderarbeit! Allein durch höhere Produktivität werden grundsätzliche Probleme also nicht gelöst sondern können sogar noch verstärkt werden. Die Kampagne fordert deshalb, dass Bäuerinnen und Bauern einen höheren Preis für ihren Kakao erhalten, um steigende Produktionskosten bei höherer Produktivität auch begleichen zu können. Außerdem sollen sie darin unterstützt werden, ihre Anbauprodukte zu diversifizieren. Durch den Anbau von Nutzpflanzen für die Eigenversorgung und zum Verkauf auf lokalen Märkten können weitere Einkommensquellen generiert werden, die für ein besseres wirtschaftliches Auskommen der Bäuerinnen und Bauern sorgen und sie unabhängiger vom Kakaohandel machen.

16. Warum ist die Schokoladenindustrie Adressat der Kampagne und nicht die Politik?

INKOTA hat in den vergangenen Jahren sehr gute Erfahrungen mit Kampagnen gemacht, die sich mit konkreten Forderungen an Unternehmen richten. Diese haben Angst vor Imageschäden und dem Verlust von KundInnen. Durch die Mobilisierung von KonsumentInnen können somit in kurzer Zeit Erfolge erzielt werden. Im Kakaosektor beherrschen einige wenige konventionelle Unternehmen den Markt. Die Kampagne adressiert die Schokoladenunternehmen, da diese über ihre Einkaufspraktiken die Situation der Kakaobäuerinnen und -bauern direkt beeinflussen können. Initiativen freiwilliger Unternehmensverantwortung allein können Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung aber nicht unterbinden. Deshalb halten wir es für genauso wichtig, dass auch die Politik Rahmenbedingungen schafft, die Unternehmen gesetzlich in die Pflicht nehmen, Sozial- und Umweltstandards einzuhalten. Bei Verstößen muss es die Möglichkeit geben, die Unternehmen zu verklagen. Deshalb ist INKOTA unter anderem auch im CorA-Netzwerk (Corporate Accountability)  engagiert. CorA ist ein Netzwerk von zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich dafür einsetzen, dass Unternehmen verpflichtet werden, die Menschenrechte sowie international anerkannte soziale und ökologische Standards zu respektieren.

17. Wie sind mit Blick auf die Forderungen die Unternehmensinitiativen zu bewerten?

Die Kampagne wird zu dem jetzigen Zeitpunkt durchgeführt, da die beschriebene Krise des globalen Kakaomarktes positive Veränderungen mit sich bringen kann. Die Unternehmen sehen sich in naher Zukunft einem massiven Angebotsdefizit ausgesetzt, welches zu erheblichen Gewinneinbrüchen führen kann. Diese wirtschaftliche Bedrohung ist der Grund, weshalb Unternehmen Initiativen umsetzen, die einen nachhaltigen Kakao(nachschub) sicherstellen sollen. Dieser Umstand stellt ein sogenanntes „window of opportunity“ für Make Chocolate Fair! dar: Die Kampagne will durch den Druck europäischer BürgerInnen die Bemühungen der SchokoladenherstellerInnen verstärken und sie zu einem grundsätzlichen Umdenken in ihren Einkaufspraktiken bewegen. Bisher hat die World Cocoa Foundation (WCF) die Initiative „KakaoAktion“ gestartet. Die Initiative von elf der größten Schokoladen- und Kakaounternehmen will bis 2020 rund 300.000 Bäuerinnen und Bauern schulen, um die Produktivität der Kakaofarmen zu erhöhen und die Situation von Frauen und Kindern im Kakaosektor zu verbessern. Darüber hinaus wurde die International Cocoa Initiative (ICI) ins Leben gerufen, welche sich vor allem auf die Abschaffung von Kinderarbeit konzentriert, indem sie eine Reihe von Programmen in der Elfenbeinküste und in Ghana durchführt. Bisher werden jedoch viel zu wenige Bäuerinnen und Bauern durch die Programme erreicht. Außerdem gehen viele der unternehmenseigenen Initiativen nicht weit genug und orientieren sich lediglich an den wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen. Wäre es den Unternehmen ein ernsthaftes Anliegen die Armut in den Anbauländern zu bekämpfen, würden sie Initiativen ergreifen, um den Bäuerinnen und Bauern einen höheren Kakaopreis zu ermöglichen. 2020 könnte sich so für die Bäuerinnen und Bauern trotz der versprochenen Menge an zertifiziertem Kakao nicht viel verbessert haben. Wichtig sind folglich die Debatten um die Höhe des gezahlten Preises, die Förderung einer Anbaudiversifizierung sowie um Landbesitzverhältnisse.