#nachgehakt: Bisher ist keine Schokolade wirklich fair!

02.12.2016

Bislang ist keine Schokolade wirklich fair!

Schoko-Fans wollen es wissen: Ist meine Lieblings-Schoki fair? Nestlé, Ferrero, Ritter Sport und 14 weitere Schokoladenunternehmen haben sich den Fragen von Schoko-Fans gestellt. Make Chocolate Fair! hat die Antworten ausgewertet und stellt fest: Bislang ist keine der Schokoladen wirklich fair! Zwar unternehmen eine ganze Reihe von Unternehmen erste Schritte, um die Lebenssituation der Kakaobauern zu verbessern. Doch noch immer leben auch Kakaobauernfamilien in Armut, die durch Zertifizierungsprogramme und Unternehmensprojekte erreicht werden. Bislang ist es nicht gelungen, die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern so zu steigern, dass Armut deutlich reduziert wurde.

Existenzsicherndes Einkommen bleibt Herausforderung!

Einkommenssteigerungen für Kakaobauernfamilien werden von allen Unternehmen als notwendig erachtet, aber eine Berechnung zur Höhe eines existenzsichernden Einkommens hat bislang kein Schokoladenunternehmen vorgenommen.

Make Chocolate Fair! sagt:

  • Wer Kinderarbeit ernsthaft bekämpfen will, muss Armut bekämpfen!
  • Wer Armut bekämpfen will, darf sich um die Diskussion über existenzsichernde Einkommen nicht drücken!

Die Unternehmen argumentieren in ihren Antworten, dass vor allem die Größe der Farmfläche und Produktivität pro Hektar wichtige Faktoren zur Erreichung eines existenzsichernden Einkommen sind. Sie lassen damit einen zentralen Faktor außer Acht: den Kakaopreis! Unternehmen haben verschiedene Möglichkeiten, Einfluss auf die Preisgestaltung zu nehmen. So ist es beispielsweise möglich, über die Zahlung von Prämien für die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards die Einkommen zu erhöhen. Die bisher von Fairtrade garantierten Prämien sind allerdings viel zu niedrig angesetzt, um die Einkommenssituation der Kooperativen maßgeblich zu verbessern, und bei UTZ und Rainforest Alliance müssen die Bauern die Prämien sogar selbst verhandeln.

Zertifizierter Kakao nimmt zu, das garantiert aber kein existenzsicherndes Einkommen!

Fast alle Unternehmen beziehen mittlerweile Kakao über eines oder mehrere der großen Zertifizierungssysteme: Fairtrade, UTZ und Rainforest Alliance. Diverse Unternehmen haben Versprechen gemacht, mittelfristig ihren gesamten Kakaobedarf aus nachhaltigen Quellen zu beziehen. Dies bedeutet jedoch leider nicht, dass dadurch automatisch Armut und missbräuchliche Kinderarbeit im Kakaoanbau beendet werden. Das Kakaobarometer 2015 und eine Studie der Tulane-Universität zu Kinderarbeit haben gezeigt, dass strukturelle Probleme fortbestehen und zum Teil sogar zunehmen. Kakaobauernfamilien erhalten zwar für zertifizierten Kakao eine Prämie, aber diese erhöht das Einkommen nur um schätzungsweise 10 Prozent. Kakaoexperten gehen davon aus, dass die Einkommen der Kakaobauernfamilien etwa drei- bis viermal so hoch liegen müssten, damit ein existenzsicherndes Einkommen erzielt wird.

Make Chocolate Fair! sagt:

  • Existenzsichernde Einkommen müssen ein Kernkriterium für nachhaltigen Kakaoanbau sein.
  • Zertifizierungssysteme müssen Berechnungen zur Höhe eines existenzsichernden Einkommens vorlegen.

Es fehlt Transparenz zur Wirkung von Nachhaltigkeitsinitiativen!

Die Unternehmen berichten darüber wie viele Bauernfamilien durch beispielsweise Schulungen und Trainings erreicht wurden. Ob es durch die Projekte tatsächlich zu Einkommenssteigerungen oder einer Reduzierung von Kinderarbeit gekommen ist, bleibt unklar. Infolge der mangelnden Transparenz lässt sich zudem nicht nachvollziehen, ob die Projekte von beispielsweise Nestlé, Ferrero und Mars dieselben Kooperativen erreichen. Die tatsächlich erreichte Anzahl an Bäuerinnen und Bauern lässt sich so nicht ermitteln. Bisher werden durch Nachhaltigkeitsprojekte vor allem solche Bauern erreicht, die in Kooperativen organisiert und relativ gut an den Markt angebunden sind. Damit konzentrieren sich die Schokoladenunternehmen in erster Linie auf leicht zu erreichende Bauernfamilien. Ein solches Problemlösungsverhalten wird auch als Beschränkung auf „niedrig hängende Früchte“ bezeichnet. Anders ausgedrückt: die Unternehmen strengen sich nicht an. Denn die Herausforderung besteht darin, auch die ca. 80 Prozent unorganisierten Bauern zu erreichen.

Make Chocolate Fair! sagt:

  • Schokoladenunternehmen müssen transparenter über die Wirkung ihrer Projekte berichten

Pro Planteurs soll Vorzeigeprojekt werden

Abgesehen vom Unternehmen Heinerle-Berggold und Dr. Oetker haben alle Unternehmen ihre Mitgliedschaft im Forum Nachhaltiger Kakao und das Best-Practice-Projekt ProPlanteurs erwähnt. Make Chocolate Fair! begrüßt, dass sich die Unternehmen im Forum Nachhaltiger Kakao für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Kakaobauernfamilien einsetzen. #nachgehakt: Ist meine Lieblings-Schoki fair?Begrüßenswert finden wir auch das Projekt Pro Planteurs, das unter anderem die Erhöhung der Einkommen von Kakaobäuerinnen und –bauern in der Elfenbeinküste angestrebt. Make Chocolate Fair! weist darauf hin, dass sich das Projekt Pro Planteurs noch in der Anfangsphase befindet. Durch Pro Planteurs sollen vorerst 20.000 kakaoproduzierende Familienbetriebe erreicht werden. Das ist ein Anfang, aber noch weit davon entfernt, die Lebensbedingungen für die Mehrheit der Kakaobauernfamilien nachhaltig zu verbessern. Zum Vergleich: In der Elfenbeinküste leben insgesamt rund 800.000 Kakaobäuerinnen und –bauern. Dass sich die gesamte deutsche Schokoladenindustrie (einschließlich transnational agierender Unternehmen) auf ein und dasselbe Nachhaltigkeitsprojekt für 20.000 Bauern beruft, zeigt, dass die Industrie ihre Anstrengungen für mehr Nachhaltigkeit erhöhen muss.

 

Was die einzelnen Unternehmen geantwortet haben und was Make Chocolate Fair! dazu sagt, können Sie hier nachlesen.