Fairer Handel: Der lange Weg zu höheren Einkommen

17.01.2017

Die Einkommen der Kakaobauern und Kakaobäuerinnen vor allem Westafrikas sind viel zu niedrig. Dies gilt auch für all jene, die sich am Fairen Handel beteiligen und ihren Kakao zertifizieren lassen. Fairtrade, die weltweit wichtigste Siegelorganisation, hat angekündigt, sein eigenes System von Prämien und Mindestpreisen zu überarbeiten. Und mit ihrem Kakaoprogramm tragen sie wesentlich zu besseren Absatzmöglichkeiten für die ErzeugerInnen bei.

„Fairer Handel wirkt!“ – unter diesem Motto brachten die Akteure des Fairen Handels im Herbst 2016 während der Fairen Woche ein Thema in die Öffentlichkeit, das viele VerbraucherInnen beschäftigt. Während sich einige fragen, ob Arbeiter auf Bananenplantagen tatsächlich einen fairen Lohn bekommen, wenn das Fairtrade-Siegel auf der gelben Frucht klebt, oder ob die Schokolade wirklich fair ist und keine Kinderarbeit in ihr steckt, haben andere ein fast „blindes Vertrauen“ in die positiven Wirkungen des Fairen Handels. Auch viele langjährige Fair-Handels-AktivistInnen sind davon überzeugt, dass ProduzentInnen im Fairtrade-System ein fairer Preis gezahlt wird. Dabei wird häufig auf den garantierten Mindestpreis und die Fairtrade-Prämien verwiesen. Beides würde garantieren, dass die ProduzentInnen ein Leben in Würde führen könnten und nicht unterhalb der Armutsgrenze leben müssten.

Dass diese Annahme nicht immer der Wirklichkeit standhält, zeigt der Blick auf das Produkt Kakao. Weltweit wird Kakao von etwa 5,5 Millionen Kleinbauernfamilien angebaut. 70 Prozent der Weltkakaoernte kommt aus den westafrikanischen Ländern Côte d’Ivoire, Ghana, Nigeria und Kamerun. Die große Mehrheit der Kakaobauernfamilien lebt weit unterhalb der Armutsgrenze, und insbesondere in Westafrika gehört missbräuchliche Kinderarbeit zum Alltag.

In dieser Region leben die meisten Bauern und Bäuerinnen fast ausschließlich vom Kakaoanbau. Sie sind daher besonders stark vom Weltmarktpreis für Kakao abhängig, der an den Börsen gehandelt wird und starken Schwankungen ausgesetzt ist. Seit den 1980er Jahren sind die Preise für Kakao zudem stark gefallen. Während Anfang der 1980er Jahre die Bauern inflationsbereinigt noch fast 5.000 US-Dollar je Tonne erhielten, sind es seit Jahren nicht mehr als 3.000 US-Dollar.

Dass der Faire Handel das Importprodukt Kakao in seine Produktpalette aufgenommen hat, war eine logische Konsequenz. Schokolade mit dem Fairtrade-Siegel wird seit den 1990er Jahren angeboten. Heute arbeitet Fairtrade International mit etwa 179.000 Kakaobauernfamilien in mehr als 20 Ländern in Lateinamerika, Afrika und Asien zusammen.

Zu geringe Einkommen trotz Mindestpreis

Es steht außer Frage, dass Fairtrade wesentlich dazu beiträgt, dass ProduzentInnen-Organisationen gestärkt werden, Kakaobauern durch Schulungen und Beratung ihre Anbaumethoden verbessern, die Infrastruktur ausgebaut wird und die Gemeinden für die Problematik von missbräuchlicher Kinderarbeit sensibilisiert werden. Doch die verbreitete Annahme, der Fairtrade-Mindestpreis und die Prämien garantierten den ProduzentInnen ein existenzsicherndes Einkommen, lässt sich im Fall von Kakao nicht bestätigen. Obwohl der Weltmarktpreis seit 2011 über dem garantierten Fairtrade-Mindestpreis von 2.000 US-Dollar je Tonne liegt, kommen die Bauern nicht aus der Armut. Der Mindestpreis ist zu niedrig angesetzt, um extreme Armut unter Kakaobauernfamilien abzufedern.

Eine Studie von Fairtrade zur Wirkung des Zertifizierungssystems zeigt, dass die Fairtrade-Prämien „mit jährlich etwa 36 US-Dollar im Jahr nur sehr wenig zum Einkommen der Bauernfamilien beitragen“.(1) Mittlerweile erklären selbst Vertreter der Schokoladenunternehmen, wie Barry Parkin, Verantwortlicher für den weltweiten Einkauf bei Mars, dass Kakaobauern in Westafrika ihre Einkommen etwa verdrei- oder vervierfachen müssten, bevor von einer „nachhaltigen Kakaoproduktion“ gesprochen werden könne.

Bislang haben weder Schokoladenunternehmen noch Zertifizierungsorganisationen wie Fairtrade oder Importorganisationen wie die Gepa Berechnungen angestellt, wie hoch ein Einkommen für Kakaobauern in den verschiedenen Ländern sein müsste, damit die Bauern davon sowohl Grundbedürfnisse finanzieren als auch in die Pflege ihrer Plantagen investieren können. Die Sicherstellung eines solchen existenzsichernden Einkommens sollte ein Kernkriterium für fair produzierten Kakao sein.

Immerhin hat Fairtrade International angekündigt, 2017 den Fairtrade-Mindestpreis und die Prämien für Kakao zu überarbeiten. Als Grundlage dienen Studien, die in Ghana und der Côte d’Ivoire durchgeführt werden. Dabei wird untersucht, welche Faktoren sich auf das Einkommen der Bauern auswirken und wie Fairtrade am effektivsten die Einkommen anheben kann. Zudem werden Basisdaten zur Lebenssituation der Bauern erhoben. Die Erfassung dieser Daten ist wichtig und war lange überfällig. Allerdings sehen die Studien keine Berechnungen zur Höhe eines existenzsichernden Einkommens vor.

Noch ist unklar, ob Fairtrade die Prämien und Mindestpreise so anpasst, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur Armutsreduzierung unter Kakaobauernfamilien leisten. Marina Vanin, Globale Direktorin für Kakao bei Faitrade, erklärte: „Generell denken wir, dass Kakao-Preise signifikant höher sein sollten. Aber der Preis ist nur ein Element und verschiedene Maßnahmen sind nötig, damit Prämien Wirkung haben“. Die Kakao-Expertin geht davon aus, dass Kakaobauern neben Kakao noch über andere Einnahmequellen verfügen müssen, um ihre Armut zu verringern.(2)

Wenn Fairtrade den Mindestpreis und die garantierten Prämien anhebt, läuft Fairtrade Gefahr, dass große Schokoladenunternehmen zu anderen Zertifizierungssystemen wie UTZ und Rainforest Alliance wechseln. UTZ und Rainforest Alliance sehen keinen Mindestpreis vor und die Bäuerinnen und -bauern müssen Prämien selbst aushandeln. Den Fairtrade-Kooperativen würden dann Abnehmer für ihre zertifizierten Bohnen fehlen.

Doch damit könnte Fairtrade ein deutliches Zeichen setzen, dass es sich nicht mit einfachen Lösungen zufrieden gibt. Faitrade könnte sich so von anderen Zertifizierungssystemen abheben und argumentieren, die Idee des Fairen Handels voranzutreiben und keine Minimal-Standards zu akzeptieren.

Wenn diese Instrumente einen deutlichen Beitrag zur Verringerung der Armut leisten, könnte dies das Vertrauen der VerbraucherInnen in das Fairtrade-System stärken. Eine steigende Nachfrage nach von Faitrade zertifizierten Schokoladenprodukten durch die VerbraucherInnen könnte einer Abwanderung der Schokoladenunternehmen zu UTZ und Rainforest Alliance entgegenwirken.

Neue Absatzmöglichkeiten mit dem Kakaoprogramm

Fairtrade war zuletzt 2014 stark in die Kritik geraten, als es das „Fairtrade Kakaoprogramm“ und damit ein neues Siegel einführte. Dieses Programm soll Kakaokooperativen einen besseren Marktzugang bieten. Es gibt Schokoladenunternehmen die Möglichkeit zertifizierten Kakao zu verwenden, ohne zugleich zertifizierten Zucker benutzen zu müssen. Vor Einführung des Programms war die Nachfrage nach fair gehandelten Kakaobohnen geringer als das Angebot. Viele Fairtrade-Kooperativen konnten weniger als 30 Prozent ihrer zertifizierten Kakaobohnen als solche verkaufen. Den Bauern entgingen damit für teilweise mehr als 70 Prozent der zertifizierten Kakaobohnen die Fairtrade-Prämien.

Thomas Speck, Geschäftsführer der Gepa, kritisierte, dass sich VerbraucherInnen durch das neue Fairtrade-Siegel getäuscht fühlen könnten, weil viel weniger fair gehandelte Zutaten in der Schokolade stecken als beim klassischen Faitrade-Siegel.(3) Zudem bestünde die Gefahr, dass die Zuckerbauern „den Kürzeren“ ziehen könnten. Auch würden den Großkonzernen zu viele Konzessionen gemacht und keine verbindlichen Abnahmemengen gefordert.

Es steht außer Frage, dass das zusätzliche Fairtrade-Siegel zu einer weiteren Verdichtung im Siegel-Dschungel und zur Verunsicherung unter VerbraucherInnen beigetragen hat. Doch die Befürchtung, dass die Zuckerbauern die Leidtragenden des Kakaoprogramms würden, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil stiegen nach Angaben von Fairtrade seit der Einführung ihres Kakaoprogramms und dem parallel eingeführten Zuckerprogramm die Absätze von Faitrade-Zucker allein im ersten Jahr um 15 Prozent. Fortin Bley, Präsident des Fairtrade Africa Cocoa Netzwerks erklärte bei der Einführung des neuen Programms, dass die Fairtrade-Kooperativen in Westafrika lange auf bessere Marktzugänge gewartet hätten.

Dass die Einführung des Kakaoprogramms der richtige Weg war, zeigt auch die Entwicklung des Kakaoabsatzes. Nach Angaben von Fairtrade verkauften 2011 noch 144.000 Bauern ihren Kakao über Fairtrade, 2014 waren es bereits 180.000.

Die Prämiengelder stiegen innerhalb von zwei Jahren von sieben Millionen auf 10,8 Millionen Euro. Während der Anteil fair gehandelten Kakaos in deutschen Süßwaren bis 2013 kaum die Ein-Prozent-Marke erreichte, liegt er heute bei etwa 3,6 Prozent. Allerdings muss Fairtrade die Transparenz des Kakaoprogramms erhöhen und veröffentlichen, welche Schokoladenunternehmen an dem Programm teilnehmen.

Nur so wird für VerbraucherInnen nachvollziehbar, welche Unternehmen sich für eine Verbesserung der Situation der Kakaobauernfamilien einsetzen. Transparenz ist auch deshalb wichtig, damit Unternehmen nicht ohne Kenntnis der Öffentlichkeit aus dem Kakaoprogramm wieder aussteigen können, wenn Standards geändert oder Prämienzahlungen erhöht werden.

Große Probleme in Westafrika

Die größten Herausforderungen im Kakaoanbau bestehen in Ghana und der Côte d’Ivoire. Hier sind die Ernteerträge deutlich geringer als in Lateinamerika, der Baumbestand ist überaltert, die Bauern verfügen nicht über ausreichend finanzielle Mittel für Düngemittel und Pestizide, Korruption ist verbreitet, die Infrastruktur wurde seit Jahrzehnten kaum ausgebaut, gesellschaftlich wird Kinderarbeit noch immer von breiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert und die Qualität der Kakaobohnen ist vergleichsweise schlecht. Der Kakaomarkt ist staatlich reguliert und so auch der Preis, den die Bauern für die Kakaobohnen erhalten. In der Côte d’Ivoire herrschte bis 2007 zudem ein Bürgerkrieg.

Einige Unternehmen des Fairen Handels haben sich aus diesen Gründen aus Ghana und der Côte d’Ivoire zurückgezogen oder meiden sie. Fairtrade hingegen hat in den letzten Jahren viel in den Aufbau von Kooperativen in diesen Ländern investiert. Mit über 106.000 Tonnen stammte 2014 der größte Anteil des durch Fairtrade zertifizierten Kakaos aus der Côte d’Ivoire, gefolgt von Ghana (54.600 Tonnen).

Es ist gut, dass sich Fairtrade trotz der schwierigen Rahmenbedingungen in den beiden Ländern engagiert, damit die ärmsten der Kakaobauernfamilien erreicht werden. Es bleibt zu hoffen, dass es Fairtrade gelingt, das System so weiterzuentwickeln, dass Kakaobauern in Westafrika über ein existenzsicherndes Einkommen verfügen und VerbraucherInnen nicht schon bald feststellen müssen, dass Fairtrade weiterhin auch Armut unter Kakaobauernfamilien zertifiziert.

Quellen:

1 Fairtrade (2015): Scope and Benefits of Fairtrade. Downlaod: www.fairtrade.net/resources/monitoring-impact-reports.

2 Interview in Confectionery News (15. November 2016): Fairtrade to review cocoa premium against farmer income study.

3 Kommentar von Thomas Speck zum Fairtrade-Kakaoprogramm im Südlink 169, September 2014.

Evelyn Bahn koordiniert beim INKOTA-netzwerk die Kampagne Make Chocolate Fair!

 

Lesen Sie weiter im aktuellen Südlink-Magazin "Fairer Handel", wo der Artikel erstmalig erschienen ist